Claro midenand Lade Davos

Die Welt ist ein Dorf - und hier ist sein Laden

Vorwort

Geschichten sind wichtig. Erinnerungen an früher helfen, Bräuche und Sitten besser zu verstehen. Wenn die Generationen wechseln, ist es doppelt wichtig, dass Erinnerungen weiter gegeben und nicht verloren gehen.

Als ich an einer der regelmässigen Claro Midenandladen Sitzungen merkte, dass nicht einmal die Frauen, die von Anfang an dabei waren, auf Anhieb sagen konnten, wann der Laden gegründet wurde, dachte ich: dieses Vergessen sollte man verhindern. Noch sind viele Gründungsmitglieder hier und können von den Anfängen erzählen. Das sollte man aufschreiben, damit die Mitarbeitenden, die später dazu gekommen sind, wissen, welche Ideen und Motivationen zur Gründung des Ladens geführt haben und wie sich der Laden, das Angebot und die Käuferschaft im Laufe der Jahre geändert hat.

Ich habe darum die Gründungsmitglieder, die heute noch in Davos wohnen, gebeten, mir ihre Erinnerungen zu erzählen. Erika Hoffmann, Urs und Lisbeth Hegnauer, Leo Luzi und Cäcilia Bardill waren bereit, mir aus den Anfängen zu erzählen. Ich habe die Geschichten dann aufgeschrieben und lege sie nun zum 30-Jahr Jubiläum des Ladens vor.

Neben der „Gründergeneration" gibt es auch die langjährigen Mitarbeiterinnen, die zum Teil auch schon 20 Jahre dabei sind. Einigen habe ich ein paar Fragen gestellt: wie bin ich dazu gekommen, was gefällt mir besonders an der Arbeit, wie sehe ich die Zukunft. Die Antworten sind unter "Die Langjährigen" zusammen gefasst.

Zum Glück gibt es auch immer wieder neue Frauen, die zur Mitarbeit bereit sind. Vier „Neue" teilen ihre Beweggründe, ihre Wünsche und Hoffnungen für den Laden mit, zusammengefasst bei "Die Neuen".

Es ist mir bewusst, dass dieser kurze Rückblick nur einen winzigen Teil des Einsatzes vieler Leute wieder gibt. Viele Namen fehlen – einige Männer und Frauen der „ersten Stunde" sind von Davos weggezogen, einige sind gestorben, andere haben sich aus verschiedenen Gründen aus der aktiven Mitarbeit zurückgezogen. Ihnen allen sei hier gedankt für ihren Einsatz für unseren Claro Midenand Lade.

„Wenn alle helfen, den Himmel hoch zu halten, wird niemand müde."

Diesen Sprichwort aus dem Volk der Tshi in Ghana gilt für unseren Laden: die Verantwortung ist auf viele Schultern verteilt. Sicher tragen einige wesentlich mehr als andere, aber ohne die Frauen, die „nur" alle zwei Wochen als Verkäuferinnen da sind, ginge es auch nicht.

„Ein Dach trägt niemand allein" sagt man in Nigeria, wenn für eine grosse Arbeit Hilfe gebraucht wird. Auch für den fairen Handel hier in Davos braucht es viele Hände. Und wir sind wiederum nur eine kleine Hand, die am grossen Dach des fairen Welthandels ein klein wenig mittragen.

Davos, im Oktober 2012 - Regula Rudolf


Die Gründergeneration

Leo Luzi, der Mann der ersten Stunde

Ende der 70er Jahre führte ich zusammen mit meiner Frau Magdi eine Jugendgruppe der VBG (Vereinigte Bibelgruppen an Schule und Universität). Wir nannten sie "Ukukanya" – Zünde ein Licht an – wie eine kirchliche Organisation in Soweto (Südafrika). Wir legten Wert auf christliches Engagement, das sich in Taten äussert. Es war eine grosse Gruppe, ca. 20 Jugendliche. Alle waren sehr motiviert und wollten Hilfe in der 3. Welt leisten.

Darum nahmen wir Kontakt auf mit der Drittwelteinkauf- organisation OS3 in Sonceboz und der Basler Mission. Wir kauften Handwerksartikel und Lebensmittel wie Tee, Kaffee und Honig. Diese Artikel verkauften wir vor allem in der Vorweihnachtszeit an einem Stand vor der Migros Davos Platz. Am besten verkaufte sich der Honig. Als Lager konnten wir im Anbau des Pfarrhauses Belfort und im Atelier von Kunstmaler Edi Wurster einen Raum benutzen. Dort durften wir uns jeweils aufwärmen, wenn es am Verkaufstag gar zu kalt war.

Dieser Verkauf lief sehr gut: 2500 – 3000 Fr. pro Samstag! Auch die Gruppe wuchs auf zeitweise 30 Mitglieder. Das Ganze war ein richtiger Boom. Wir konnten aber nur ca. 6 Mal pro Jahr einen Verkauf durchführen; wir hätten lieber mehr gemacht, aber dazu reichten die Kräfte nicht.

Anfangs der 80er Jahre (1980 oder 81) organisierte ich zusammen mit Martin Gähwiler einen Keramikkurs für Bäuerinnen. Die Bäuerinnen beklagten sich, dass sie die Artikel, die sie herstellten (Strickwaren, Stickereien), nicht verkaufen könnten, und ihnen als Nebenverdienst nur das Teller Waschen im Gastgewerbe bleibe. Wir merkten bald, dass wir ein gemeinsames Anliegen hatten: Wir wollten Artikel aus der 3. Welt verkaufen, und die Bäuerinnen ihre Handarbeiten aus Graubünden.

1982 wurde der "Midenand-Lade" gegründet und man mietete ein Lokal an der Oberen Strasse 61, im Haus Mattli. Gründungs- mitglieder waren: Hans und Elisabeth Röllin, Urs und Lisbeth Hegnauer, Cäcilia Bardill und Erika Hoffmann und Anni Biäsch.

Die Zusammenarbeit war faszinierend: es gab keine offiziellen Strukturen, Mitarbeitende kamen und gingen. Hegnauer's und Hans Röllin unterschrieben den Mietvertrag mit Herrn Mattli. Der Laden war sehr klein, das Lager winzig und feucht. Die Lage aber war recht gut, ein Wegweiser an der Promenade wies auf den Laden hin.
Am 1.12.1985 mietete das Ladenteam die Geschäftsräumlichkeiten von Paul Faiss an der Promenade 28. Unterschrieben ist dieser Vertrag nur von Hans Röllin. Paul Faiss war sozial engagiert und vermietete den Laden zu günstigen Bedingungen.

1989 starb Paul Faiss und wir, meine Frau Magdi und ich, konnten das Haus kaufen. Mit dem „Midenand-Lade" machten wir einen neuen Mietvertrag, unterschrieben von Erika Hoffmann, Hans Röllin, Lisbeth Hegnauer.

Hans Röllin arbeitete sehr viel für den Laden. Als Beispiel seien die Bananen genannt: Damals gab es keine Havelaar-Bananen bei den Grossverteilern. Der Midenand-Lade bestellte jede Woche in Zürich eine Kiste fair produzierter Bananen, die jeweils um fünf Uhr vom Lastwagenchauffeur gebracht wurde. Der Chauffeur stellte sie aber einfach vor die Haustüre, wo sie im Winter erfroren wären. Hans Röllin richtete darum am Liefertag seinen Wecker und holte die Bananen an die Wärme. Heute wäre so etwas undenkbar – aber die Arbeit der verschiedenen Vereinigungen und Läden trug Frucht: Heute gibt es auch bei den Grossverteilern fair gehandelte Bananen und viele andere Produkte.

Im Laden wurden immer wieder Aktionen durchgeführt. Ein Beispiel sind die Adventskränze mit Ukukanyakerzen. Die Gärtnersfrau und Mutter von Hans Röllin kam jeweils aus Ägeri und leitete die Herstellung von ca. 100 Kränzen an, die an Ständen an der Promenade und im Laden verkauft wurden.
Ich freue mich, dass der Laden heute immer noch existiert und Lücken bei den Mitarbeitenden stets neu besetzt werden können. Vor zwei Jahren führten wir eine Renovation durch, es gab neue Bodenbeläge und eine neue Beleuchtung, die Wände wurden frisch gestrichen und Isolierglasfenster eingesetzt. Letztes Jahr konnte der Laden um einen zusätzlichen Raum erweitert werden.

Davos, Oktober 2012 - Leo Luzi


Erika Hoffmann: Erinnerungen an die Gründung des Midenand- Ladens

Ende 70er Jahre erwachte bei den Bäuerinnen vermehrtes Interesse am Spinnen, Weben, Körbe flechten, Sticken, Wolle färben mit Naturfarben, Holz schnitzen etc. Der Bäuerinnenverein, dessen Präsidentin ich war, organisierte diese Kurse, es gab dafür sogar Subventionen des Kantons. Das waren ja die Jahre, in denen die Landwirtschaft vermehrt mechanisiert wurde und die Bäuerinnen darum etwas mehr Zeit für anderes hatten und sich einen kleinen Nebenverdienst wünschten.

Anfangs 80er Jahre begann Leo Luzi (in der Schule?) mit Töpfern. Ich fragte Leo an, ob er für die Bäuerinnen auch einen Töpferkurs anbieten würde. Leo sagte zu. Bald aber stellte sich die Frage: was soll mit den fertigen Produkten geschehen? Ich wusste, dass Leo Luzi und seine Jugendgruppe jeweils vor der Migros einen Stand hatten, an dem sie Kerzen, Honig, Tee und Kaffee aus der 3. Welt verkauften. Das aber war nicht der rechte Verkaufskanal für uns. Wie Leo Luzi suchten auch wir ein Lokal, wo wir 'richtig' verkaufen konnten.

Bei einem Zusammensitzen im Café Weber – Anni Biäsch, Lisbeth Hegnauer, Hans Röllin, Leo Luzi und ich waren dabei – entschieden wir uns, gemeinsam nach einem Ladenlokal zu suchen und den Laden auch gemeinsam zu betreiben.

Das Anliegen von uns Bäuerinnen war, einen Absatzkanal zu finden für die Handwerksartikel. So sollten die Bäuerinnen zu etwas eigenem Geld kommen. In der Zeitschrift "Haus und Hof", Verbandsorgan der Bäuerinnenvereinigung Graubünden, berichteten wir über unsern Plan. An der Delegiertenversammlung der Bäuerinnen erklärte ich die Idee, die sofort Zustimmung fand. Auch die Betriebsberaterin Elisabeth Moser unterstützte uns.

Die Organisation lief so: alle Handarbeiten wurden mir zugeschickt. Zeitweise hatten wir bis zu 100 Lieferantinnen. Die Herstellerin sagte, welchen Preis sie sich vorstellte. Darauf schlugen wir 20% für den Laden (Miete, Heizung etc.). Der Midenand-Laden hatte die Produkte nur in Kommission. Jede Bäuerin, die Handarbeiten lieferte, bekam eine Nummer, ich führte in einer Kartei für jede eine Karte, trug jeden Artikel einzeln ein mit Nummer, Datum und Preis. Die Preisetikette wurde beim Verkauf des Artikels auf einen Abrechnungsbogen geklebt, damit ich die Kartei nachführen und am Monatsende den Lieferantinnen das verdiente Geld überweisen konnte. Diese Arbeit musste ich meistens nachts machen, da ich ja tagsüber mit Haushalt, Kindern und Arbeit auf dem Feld ausgelastet war.

Ein Problem war manchmal die Qualität der Produkte: immer wieder musste ein allzu „handgestricktes" Objekt zurück gewiesen werden. Darum setzten wir 1985 nach dem Umzug an die Promenade 28 eine neutrale Kommission zur Prüfung der Qualität ein. So war ich nicht mehr allein verantwortlich – oder die 'Böse', die Artikel zurück wies.

Was mich an dieser Arbeit besonders reizte war, dass die Bäuerinnen im Kanton ihre Artikel in einem Drittweltladen verkauften. Am Anfang gab es unter den Bäuerinnen merkwürdige Reaktionen und Bemerkungen, viele wussten wenig über die Lebensbedingungen in der 3. Welt. Aber mit der Zeit wuchs bei vielen mehr Verständnis und Wissen über die Zusammenhänge des ungerechten Welthandels.

Es gab immer weniger Bemerkungen wie: „die sollen doch arbeiten wie wir, dann würde es ihnen nicht so schlecht gehen". Viele Bäuerinnen merkten, dass es nicht mangelnder Fleiss oder fehlendes Können sondern die ungerechten Handelsbedingungen sind, die die grosse Armut verursachen.

Ein Höhepunkt war, dass durch den Sohn einer Lieferantin, der Beziehungen zu „DRS Aktuell" hatte, unser Midenand-Laden im Fernsehen kam. Ganz am Anfang unserer Ladenzeit kam eine Redaktorin der Zeitschrift „Annebelle", die sich sehr für Davos und auch unsern Laden interessierte. Ich führte sie durch Davos und zeigte ihr natürlich auch den damals neuen Laden. Wir besuchten auch Lieferantinnen zu Hause, sahen ihnen beim Weben etc. zu. Die Frau konnte fast nicht glauben, dass die Zusammenarbeit unter den Mitarbeiterinnen des Drittweltladens und der Bäuerinnen ohne Statuten und Reglement über Jahre reibungslos funktionierte. Im Januar 1984 erschien ein ähnlicher Artikel in der Zeitschrift „Sonntag". (Nr. 3, 18.1.84, 65. Jahrgang)

Ende 90er Jahre verkauften sich die einheimischen Handarbeiten immer schlechter – die Mode hatte gewechselt, Fensterreifen, Kreuzstichstickereien etc. waren nicht mehr gefragt. Mit dem Erlös aus dem Verkauf konnten wir unsern Anteil an die Unkosten des Ladens fast nicht mehr bezahlen. Daher beschlossen wir Bäuerinnen, uns aus dem Laden zurück zu ziehen. Von nun an würde es nur noch den Claro Midenand Laden geben. Ich zog mich auch aus der Arbeit zurück und bin nur noch im Winter alle 2 Wochen als Verkäuferin tätig.

Es gibt aber immer noch Bäuerinnen, die ihre Produkte an den Laden liefern, vor allem selbst gemachte Konfitüren, geschnitzte Tiere, Sirup und Konfekt. Heute laufen Abrechnung und Administration ganz über den Claroladen.
Mich freut sehr dass unsere Idee, die wir vor 30 Jahren hatten, weiter geht.
Davos, Juni 2012 - Erika Hoffmann


Cäcilia Bardill: Meine Erinnerungen an die Anfänge des Claroladens

Anfangs 80er-Jahre sprach Hans Röllin mich an und fragte, ob ich allenfalls bereit wäre, bei der Gründung eines Drittweltladens mitzumachen. Er erwähnte, dass die Bäuerinnenvereinigung ebenfalls mit dem Gedanken spiele, einen Laden zu gründen und Erika Hoffmann und Leo Luzi hätten bereits über ein gemeinsames Vorgehen nachgedacht. Ein Miteinander schien alle Beteiligten von Anfang zu faszinieren. Warum nicht gemeinsam einen Laden gründen?

Es wurden weitere Personen angesprochen und schon bald suchten wir ein geeignetes Ladenlokal für unser Vorhaben. Gefunden wurde dieses an der Oberen Strasse 61 (Haus Mattli). Wir – ich erinnere mich, dass Hans und Elisabeth Röllin, Leo Luzi und Erika Hoffmann, Lisbeth und Urs Hegnauer mit von der Partie waren – beschlossen, den Mietvertrag für das Lokal abzuschliessen.

Die Gestaltung der Inneneinrichtung übernahm Urs Hegnauer, unterstützt von Leo Luzi. Vor allem wurden Regale gezimmert. Wer Zeit und das nötige Geschick hatte, konnte beim Schmirgeln und Zusammenschrauben mithelfen. Anni Biäsch stiftete aus ihrem Fundus eine alte Futtertruhe, die als Ladentisch hergerichtet wurde und auch heute, nach 30 Jahren, noch ihren Dienst leistet.

Der vordere der beiden Räume wurde den Bäuerinnen zugedacht, der hintere den Drittweltprodukten. Um zu signalisieren, dass es schon bald losgehen würde, bestellten Röllins gleich ein erstes Sortiment an Produkten von der Ostasienmission, die wir an der ersten Besprechung in unserem Laden bestaunen konnten.

Ein Thema dieser Sitzung, anfangs Winter 1981/82, war die Frage nach dem Namen des Ladens: Drittweltladen ging nicht, da ja auch die Bäuerinnen beteiligt waren. Solidaritäsladen fand keine Zustimmung. Nach langem Hin und Her einigten wir uns auf "Mitenandlade".

Der Drittweltladen bezog seine Waren hauptsächlich von der damaligen Einkaufsorganisation OS3 in Sonceboz und von der Caritas in Luzern. Auch Umweltschutzpapier, damals ein echter Trendartikel, war im Sortiment. Über die Ostasienmission bezogen wir Handwerk aus Asien. Die Artikel des einheimischen Handwerks, Einkauf und Abrechnung, liefen über Erika Hoffmann.

Wir suchten weitere Mitarbeiterinnen in unserem Bekannten- und Freundeskreis. Rosmarie Engi, Anni Biäsch, Erika Hoffmann, Migga Germann, Miggi Kaufmann, Heidi Domenig, Lilo Engelhaupt, Elisabeth Anliker, Gertrud Schmid – um nur einige zu nennen - waren mit dabei. Wir einigten uns darauf, den Laden jeden Nachmittag offen zu halten, am Samstag auch vormittags. Jeden Nachmittag waren zwei Verkäuferinnen im Laden, eine Vertreterin der Bäuerinnen und eine der Drittwelt-Leute.


In der Nacht vor dem Eröffnungstag, 31. Januar 1982, schneite es sehr stark. Christine Heldstab aus Frauenkirch hatte den Schlüssel für den Laden. Da die Strasse und RhB-Linie wegen Lawinengefahr gesperrt war, wussten wir nicht, ob wir die Eröffnung tatsächlich mit einer offenen Ladentüre feiern konnten. Zum Glück klappte es in letzter Minute – wir eröffneten den Laden mit Freunden und Gästen, offerierten Kaffee und Kuchen und waren gespannt, wie unser Abenteuer weiter gehen würde.

Die Davoserzeitung berichtete über die Eröffnung des Ladens. Die Berichterstatterin, Leni Henderson fand lobende Worte, nahm aber Anstoss an der Schreibweise "Mitenandlade" – auf Davoser Deutsch würde es "Midenand-Lade" heissen.

Wir hatten keine Registrierkasse, darum auch keine Quittungen, Zusammengezählt wurde im Kopf, oder bei grossen Einkäufen schriftlich. Auch dass wir keinen Telefonanschluss hatten, störte niemanden. So etwas war in einem Mitenand-Lade wie dem unsrigen nicht nötig. Die tägliche Abrechnung war oft schwierig: die verkauften Artikel der Bäuerinnen-Seite wurden aufgeschrieben und am Abend zusammengezählt und den Bäuerinnen gutgeschrieben, der restliche Teil der Einnahmen ging auf das „Konto 3. Welt". Lisbeth Hegnauer betreute von allem Anfang die Buchhaltung für die Bäuerinnen- wie auch für die 3.Welt-Seite.

Die Verantwortung für die verschiedenen Arbeitsgebiete im Laden waren breit verteilt: Heidi Domenig besorgte den Einkauf bei der Einkaufsorganisation der Weltläden OS3, Hans und Elisabeth Röllin betreuten das Umweltschutzpapier und die Artikel der Ostasienmission. Christine Heldstab übernahm den Einkauf bei Caritas Schweiz in Luzern. Erika Hoffmann war die Kontaktperson zu den verschiedenen Bäuerinnenvereinen und ihren Produzentinnen. Das klappte recht gut, nur überschätzten wir in der Anfangseuphorie da und dort die Kaufkraft unserer Kundschaft. So ist wohl einigen noch die unerschöpfliche Riesenkiste mit Schwarztee in den geflochtenen würfelförmigen Schachteln in Erinnerung. Obwohl es noch die Zeit vor den aufgedruckten Verfalldaten war, entschlossen wir uns nach einigen Jahren, den immer noch vorhandenen Restposten zu verschenken – ob zum Aufgiessen oder zum Kompostieren sei dahingestellt! Ähnlich beim Umweltschutzpapier: was sich anfangs wie frische Weggli verkaufte, wurde in grossen Mengen nachbestellt, ich erinnere mich an mehrere Lieferungen von über hundert Motivblöcken mit passenden Couverts und Karten. Erst als wir auf der Ware sitzen blieben, merkten wir, dass der Trend gewechselt hatte. Viele Sujets auf Couverts und Blöcken waren nicht mehr gefragt und das graue Umweltschutzpapier nicht mehr trendig. Noch heute freuen sich Kunden über die günstigen bebilderten Couverts und Karten, oder über den Orangenbrief im nostalgischen Motivcouvert.

Von Anfang an waren wir der „etwas andere Laden": es war und ist uns Verkäuferinnen ein Anliegen, mit unsern Kunden ins Gespräch zu kommen und Informationen über die Hintergründe des gerechten Handels aufzuzeigen. Das führt oft zu interessanten Begegnungen, die zum Teil über Jahre weiter gehen. Grad heute habe ich einen Kartengruss von einer damaligen Alexander- hauspatientin aus München erhalten, die ich damals im Lädeli, noch an der Oberen Strasse, kennenlernte und mit der ich immer noch in losem Kontakt stehe.

Die Lage unseres Ladens war recht zentral – aber die Obere Strasse ist keine Einkaufsstrasse, so gab es wenig Laufkundschaft. Trotzdem waren wir mit dem erzielten Umsatz und dem Kontakt zur Kundschaft zufrieden.
1985 erfuhren wir durch Leo Luzi, dass sein Vermieter, Paul Faiss, einen neuen Mieter für den Laden im Erdgeschoss seines Hauses an der Promenade 28 suche. Der günstige Preis für die doch wesentlich grösseren Ladenräume und dem dazu gehörigen Lagerraum bewogen uns nach einigem Hin und Her, den Vertrag mit Herrn Mattli zu künden und das Angebot von Paul Faiss anzunehmen.

Das bedeutete, den Laden neu einzurichten: Als Maler betätigte sich Bert Pfeufer, unsere bewährten Schreiner Urs Hegnauer und Leo Luzi bauten neue Gestelle und passten die alten an. So mussten wir nur wenige weitere Handwerker beiziehen.

Am 1. Dezember 1985 war alles zur Eröffnung bereit. Das neue, grössere Ladenlokal erlaubte es, weitere Lieferanten einzubeziehen und das Sortiment nach und nach zu erweitern. So führen wir einige Artikel aus den Argo-Werkstätten Davos, ein grosses Kerzensortiment von 'Weizenkorn', einer Basler Werkstätte für Menschen mit einer psychischen Behinderung, Gran Alpin Getreide und Anderes mehr.

Bei unserem Hauptlieferanten OS3 zeichnete sich eine Umstrukturierung ab. Nach verschiedenen Turbulenzen und personellen Veränderungen entstand eine neue Einkaufs- und Importorganisation mit dem Namen „claro AG". Diese Organisation versuchte, die verschiedenen Drittweltläden unter einem Namen zu vereinigen. So entstanden schweizweit die „claro fair trade läden". Da wir weiterhin auch ein grosses Angebot an einheimischen Produkten führen, war für uns klar, dass das „Mitenand" nicht aus unserm Namen verschwinden sollte. Wir packten die Gelegenheit, im Rahmen der Umbenennung unsere Altlast mit dem undavoserischen „Mitenand" endlich zu korrigieren und so heisst unser Laden - immer noch an der Promenade 28, nur 333 Schritte vom Postplatz entfernt – jetzt in korrektem Davoserdeutsch "claro midenand Lade".

Vor einigen Jahren (2007) durften wir den Theodulpreis der Evang. Kirchgemeinde Davos Dorf entgegen nehmen. Diese Anerkennung hat uns sehr gefreut, sie gilt aber ebenso unserer treuen Kundschaft, denn nur mit ihr zusammen können wir unsern Auftrag – Absatzkanal für fair produzierte Artikel zu sein – erfüllen.

Was mich besonders mit Dankbarkeit erfüllt, ist, dass neben den „Frauen der ersten Stunde" immer wieder neue Mitarbeiterinnen unsere Idee mit ihrem Einsatz und ihrem Mitdenken tatkräftig mittragen. In all den Jahren konnten für Frauen, die aus dem aktiven Ladendienst ausschieden, immer wieder neue Mitarbeiterinnen gefunden werden.

29 1⁄2 Jahre funktionierte unsere Zusammenarbeit im Laden ohne spezielle Rechtsform. Jede unserer Mit-arbeiterinnen brachte ihre Stärken ein, übernahm die Arbeit, die ihr entsprach. Nur aus rechtlichen Gründen, vor allem wegen der Bankkonti, entschlossen wir uns im September 2011 zur Vereinsgründung. Seit dem 16. September 2011 ist der „claro midenand Lade" als Verein organisiert. An unserer Art der Zusammenarbeit ändert das aber nichts, nach wie vor tragen viele Schultern die Arbeit und die Verantwortung in gegenseitigem Vertrauen.

Davos, August 2012 - Cäcilia Bardill


Lisbeth und Urs Hegnauer

Zufällig trafen wir Leo Luzi, als er auf dem Weg zur Oberen Strasse war um das Ladenlokal für einen möglichen 3.Weltladen anzusehen. Wir hatten von dem Projekt eines gemeinsamen Ladens der Bäuerinnen und des 3.Weltladens gehört und waren sofort bereit, da mitzumachen.

Leo Luzi hatte ja vorher jeden Monat mit den Jugendlichen seiner Bibelgruppe der Mittelschule SAMD einen Stand vor dem Rätiacenter, an dem sie Honig und Kerzen aus Südafrika verkauften.

An einer Besprechung verteilten wir die Aufgaben, um den Laden einzurichten:

  • Erika Hoffmann als Präsidentin der Bäuerinnen übernahm es, einheimisches Handwerk von den Bäuerinnen zu organisieren.
  • Hans Röllin war für Honig und 3.Welt-Artikel (Schweiz. Ostasienmission) zuständig. Auch Umweltschutzpapier fiel in sein Ressort. Den Honig kauften wir tonnenweise und lagerten ihn bei Frau Pfr. Domenig im Pfarrhaus, damals gab es noch kein Verfalldatum.
  • Urs Hegnauer zusammen mit Leo Luzi waren die Handwerker und machten die Gestelle.
  • Lisbeth Hegnauer übernahm die Buchhaltung. Das Bankkonto mussten wir auf unsern Namen eröffnen, sonst wäre es gar nicht möglich gewesen.
  • Philipp Röllin, Bruder von Hans Röllin gab uns Fr. 5000.- als Startkapital.

Wir wollten keinen Verein gründen, wir dachten alle, dass der lose Zusammenschluss genüge, um den Laden zu betreiben. Erst 2011 mussten wir einen Verein gründen, damit das Bankkonto nicht mehr über unsern privaten Namen läuft, sondern auf 'Claro Midenand Lade Davos' lautet.
Anfänglich gab es nur wenige Artikel aus der 3.Welt. Das änderte sich bald. Die Einkaufsorganisation OS3 in Sonceboz bot mehr Artikel an, vor allem Handwerk.

Unsere Beweggründe waren: wir wollten ein Zeichen setzen gegen den unfairen Handel mit den Produkten aus Übersee. "Ich hatte Freude an der Arbeit als Handwerker, ich habe immer gerne geschreinert. Leo Luzi hatte eine gute Fräse – wir arbeiteten gerne zusammen. Wir hatten Spass an einem Laden, wollten uns auch für den Umweltschutz engagieren" erzählt Urs.
Einzigartig unter den Drittweltläden war die Zusammenarbeit mit den Bäuerinnen. Am Anfang waren die Abteilungen Bäuerinnen und 3.Welt streng getrennt, auch die Kasse.

Wir führten auch besondere Aktionen durch. Eine war die Herstellung von Adventskränzen. Die Mutter von Hans Röllin kam aus Oberägeri, wir machten ca. 50 Adventskränze und verkauften sie an einem Stand in Davos Dorf vor der Kantonalbank und in Davos Platz, zusammen mit Honig und Kerzen aus Südafrika. Diese Einnahmen spendeten wir einem Projekt in der 3. Welt.

Der Laden lief gut, es fanden sich immer wieder freiwillige Mitarbeiterinnen. Als Erika Hoffmann die Kontrolle der Handarbeiten der Bäuerinnen und die Abrechnung abgeben wollte, fand sie zuerst niemanden als Nachfolgerin. Angela Frei, später Lisbeth Rageth übernahm die Aufgabe.

Ende der 90er Jahren kamen immer weniger Handarbeiten von den Bäuerinnen. Die Frauen, die den Laden in den Anfangsjahren mit Stickereinen, gestrickten Socken und vielem anderen beliefert hatten, wurden älter, die heutigen jungen Bäuerinnen haben alle einen Beruf gelernt und verdienen dort mehr als mit Sticken oder Stricken. Darum zogen sich die Bäuerinnen zurück. Wir führen aber immer noch einheimisches Handwerk – auch Socken werden weiter gestrickt!

Auch im 3.Weltteil veränderte sich das Angebot: es wurde immer weniger Handwerk verkauft, dafür mehr und mehr Lebensmittel aus dem fairen Handel, meistens auch in Bioqualität. Wir mussten lernen, die Verfalldaten im Auge zu behalten und gleichzeitig – nach Möglichkeit – alle Artikel immer am Lager zu haben.

Lieferengpässe gab es einmal bei den Kerzen aus Südafrika: die Apartheid-Regierung hatte den Import von Stearin verhinderte, bis es zu spät war für die Produktion der Kerzen, die ja in Soweto hergestellt wurden.
Immer wieder kommt es zu lustigen Begebenheiten, ein paar sind uns noch in Erinnerung:

  • Als ersten Artikel verkauften wir einen giftgrünen Pudel aus Filz, mit Zahnstochern als Zähne. Wir wollten ihn zuerst gar nicht ins Sortiment aufnehmen, weil wir ihn hässlich fanden – aber er fand sofort einen Liebhaber!
  • Einmal kam eine Kundin in den Laden und sagte, sie würde nie mehr bei uns einkaufen, sie habe gehört, wir würden den Gewinn sowieso nur versaufen und vertrinken. Wir konnten sie nicht davon überzeugen, dass wir nicht saufen, sondern als Dank für die geleistete Freiwilligenarbeit die Verkäuferinnen einmal im Jahr zu einem Essen einladen.
  • Eine deutsche Kundin wollte Gebäck mit einem speziellen Namen kaufen, es heisse so was Ähnliches wie 'Leichenteile'. Sie meinte Totenbeinli! Und war glücklich damit!
  • Etwas Besonderes war der Brief eines Kunden, der sagte, er/sie würde uns gerne Kaffee und Kuchen spenden als Dank für unsern Einsatz. Wir bekamen ca. Fr. 300.- und luden alle Mitarbeiterinnen ein. Der/die Spender/in blieb anonym. Da wir uns nicht bedanken konnten, machten wir am Ladentisch ein Plakat fest und schrieben unseren Dank darauf. Nach ca. 3 Wochen bekamen wir eine Notiz: nehmt das Plakat weg, wir haben es gesehen! Das war der Anfang unseres jährlichen Laden-Essens.

Nach 30 Jahren sind wir immer noch dabei, weil wir überzeugt sind, dass es uns – den fairen Handel ausserhalb der Grossverteiler wie Migros und Coop – immer noch braucht. Und: es macht uns immer noch Spass!

Davos, August 2012 - Lisbeth und Urs Hegnauer


Die „Langjährigen"

Viele Frauen arbeiten schon seit 10, 15 oder mehr Jahren im Laden mit. Das ist in unserer schnelllebigen Zeit nicht selbstverständlich.

Was bewegt sie, der Arbeit über so lange Zeit treu zu bleiben? Hier ein paar Antworten:

  • Ich will mich für den fairen Handel einsetzen, nicht nur beim Einkaufen sondern ganz praktisch.
  • Mir gefällt das Sortiment, die Zusammenarbeit unter den Frauen.
  • Der zeitlich beschränkte Einsatz – alle zwei Wochen einen halben Tag – macht es möglich, dass ich daneben noch Zeit habe für anderes.
  • Ich habe mich daran gewöhnt, alle zwei Wochen zu kommen. Und es gefällt mir immer noch!
  • Nach über 20 Jahren Mitarbeit habe ich aufgehört, aber es freut mich, wenn ich als Vertretung für eine andere Frau von Zeit zu Zeit wieder im Laden sein kann.
  • Nach der Pensionierung suchte ich eine soziale Aufgabe, wollte etwas 'Gutes' tun und mich für mehr Gerechtigkeit einsetzen.

Die „Neuen"

Was bewegt heute Frauen, sich im claro-Laden zu engagieren und mitzuarbeiten? Ich habe ein paar der 'neuen' Frauen zu ihren Wünschen und Vorstellungen befragt und die Antworten kurz zusammen gefasst.

Die Motivation zur Mitarbeit die gleiche wie vor 30 Jahren bei den Gründer/innen:

Einsatz für mehr Gerechtigkeit, Beitrag zum fairen Handel, soziales Engagement. Dass dabei für die Mitarbeiterinnen auch ein "Mehrwert" entsteht, wie neue Beziehungen, Information über Arbeitsbedingungen im Weltsüden und das Wissen, einen kleinen Beitrag zur Verbesserung geleistet zu haben, macht für alle die Mitarbeit spannenden und lohnend.

Bei einigen ist die Mitarbeit durch persönliche Kontakte entstanden, eine Frau sah das kleine Plakat im Ladenfenster "Mitarbeiterin gesucht" und meldete sich spontan.

Alle schätzen den Kontakt zu den Kunden, die Gespräche über die Produkte, die Sensibilisierung für den fairen Handel. Wichtig ist auch, dass das Engagement beschränkt ist: für die meisten Frauen ist alle zwei Wochen einen Nachmittag und hie und da ein Spezialeinsatz gerade richtig. Alle erwähnen auch die guten Beziehungen unter den Ladenfrauen: "Es macht einfach Spass, hier mitzuarbeiten" sagt eine Frau.

Auch die Wünsche für die Zukunft des Ladens gleichen sich: mehr Kundschaft, die das gute Sortiment entdeckt und bereit ist, für Fairness im Handel etwas mehr zu bezahlen und den Weg vom grossen Einkaufszentrum bis zum Laden unter die Füsse nehmen. Engagierte Mitarbeiterinnen und vielleicht ein (bezahlbares) Ladenlokal an besserer Passantenladen werden gewünscht, gute Ideen und die Kraft, sie umzusetzen – und viel Glück für die nächsten 30 Jahre!


Wie soll es weiter gehen?

Eine treue Kundin sagte nach ihrem Einkauf im Claroladen: „Eigentlich braucht es euch bald nicht mehr. Heute kann ich Fairtrade-Artikel wie Reis, Kaffee, Schokolade und vieles mehr – sogar Früchte und Blumen – beim Grossverteiler kaufen. Das ist einfacher und bequemer für uns Konsumentinnen."

Sind wir Opfer unseres eigenen Erfolges geworden? Initiative Frauen und Männer hatten in den 70er-Jahren die 3. Weltläden gegründet und damit gezeigt, dass Lebensmittel aus Entwicklungsländern auch ohne Ausbeutung produziert werden können. Sie ebneten so den Weg für das Max Havelaar Label, das bewusst den Weg in den Massenmarkt sucht. Braucht es heute die speziellen Fairtrade-Läden immer noch?

„Ja, den Fairtrade-Läden braucht es weiterhin!" war das Fazit der engagierten Diskussion zwischen der Kundin und uns Verkäuferinnen. Denn nur ein kleiner Teil des Angebots bei Grossverteilern ist fair gehandelt. Viele Produktekategorien sind für diese (noch) uninteressant. Kunsthandwerk von Claro, wie geflochtene Körbe aus Südostasien, Alpaca-Pullover aus Südamerika, zarte Seidenschals aus Indien und vieles mehr lassen sich nicht in grosser Stückzahl produzieren. Sie werden zu fairen Arbeitsbedingungen von Genossenschaften und Selbsthilfeorganisationen hergestellt, mit lokalem Material und traditionellem Know-how. Die KäuferInnen dieser Produkte stärken damit lokale, kleinbäuerliche und genossenschaftliche Strukturen – ein erklärtes Ziel des Fairtrade-Gedankens.

Gewiss, Claro und die verwandten Organisationen sind „kleine Fische" im Weltmarkt. Aber es braucht uns, um das Gewissen der „grossen Fische" immer wieder wach zu rütteln und in der Gesellschaft das Wissen um Fairness in Handel und Konsum voranzutreiben.

Ein Dach trägt niemand allein – für den fairen Handel hier in Davos braucht es viele Hände. Und wir sind wiederum nur eine kleine Hand, die am grossen Dach des fairen Welthandels mittragen.